Der ideale Motorradmotor Teil I: Zylinderfrage

Fireblade61

Typisches Hochleistungslayout mit steil stehenden Einlasskanälen und engen Ventilwinkeln. Der zugehörige Zylinderkopf baut sehr hoch.

Text: Helmut Heusler
Fotos: Heusler, Soppa, Widdecke, Archiv, Werk
erschienen in MO 2/07

Was prägt den Unterschied zwischen Zwei-, Drei- und Vierzylindermotor? Wie unterscheiden sich diese Motorbauarten in Leistungsvermögen, Bauaufwand, Reibung, Gewicht und Schwingungskomfort? Gibt es den optimalen Motorradmotor? Hier finden Sie die Antworten.

Unterschiede in den Motorkonzepten lassen sich hervor ragend in der heiß umkämpften 1000 ccm-Klasse herausarbeiten. Zum einen ist dies inz wischen fast ein Standard-Hubraum geworden, zum anderen sind in dieser Klasse Reihenmotoren, Boxer und V2-Motoren als mögliche Zweizylinderspielarten ebenso vertreten wie Drei- und Vierzylinder-Reihenmotoren. Deshalb haben wir je einen Vertreter dieser Bauarten zur Analyse ausgewählt und zum Vergleich der Motorkonzepte die Kriterien Bauraum, Leistungs ausbeute, Reibung, Gewicht, mechanische Beanspruchung des Motors, Schwingungskomfort bei hohen Drehzahlen sowie Rundlauf bei niedrigen Drehzahlen herangezogen.

Bauraumvergleich verschiedener Motorkonzepte

"Wo etwas ist, kann nichts anderes sein", sagt ein alter Konstrukteursspruch und meint damit, dass der Bauraum, den zum Beispiel der Motor benötigt, nicht mehr für Ansaugsystem, Auspuffanlage oder Tank zur Verfügung steht. Zwar gilt diese Feststellung auch für Automotoren, doch ist ein Motorrad mit seinem knappen Bauraumangebot in dieser Hinsicht weitaus heikler. Da wird um jeden Millimeter Baubreite, -höhe oder -länge des Motors gekämpft.

Wegen des Einflusses auf Luftwiderstand, Sitzposition und Schräg lagenfreiheit ist die Baubreite sicherlich das kritischste Maß eines Motorradmotors. In diesem Kriterium können alle V2-Motoren punkten, weil sie nur unwesentlich breiter als ein Einzylinder bauen. Letztlich bestimmt bei einem solchen Bauprinzip das Getriebe die Gesamt breite des Aggregats und nicht der Motor. Unwesentlich breiter bauen Reihenzweizylinder. Deutlich breiter, aber noch akzeptabel ist ein Dreizylinder, während Vierzylindermotoren immer die Gesamtbreite des gesamten Motorrads in die Höhe treiben.

Klarer Verlierer in diesem Kriterium ist der Boxermotor mit seinen weit abstehenden Zylindern. Um die Baubreite in Grenzen zu halten, sind moderne Boxer immer sehr kurzhubig ausgelegt und erfordern spezielle Ventiltriebskonstruktionen. Da die Einlasskanäle und Ansaugrohre Rücksicht auf die Einbausituation und die Sitzposition des Fahrers nehmen müssen, sind die leistungsfördernden steil stehenden Ventile und geraden Ansaugkanäle moderner Hochleistungsmotoren in einem Boxermotor prinzipiell nicht umsetzbar. So ist ein Motorrad-Boxermotor schon aus Bauraumgründen kein typisches Hochleistungsaggregat. Die Motorhöhe ist für die Integration des Motors ins Fahrzeug ebenfalls sehr wichtig. Vor allem die leistungsfördernden Vierventil-Zylinder köpfe mit engen Ventilwinkeln und steilen Einlasskanälen treiben dieses Maß in die Höhe.


Nicht nur für viele süddeutsche Motorradfahrer der beste aller Antriebe: Zweizylinder-Boxer der Marke BMW.
Fireblade61
Wie bei der Baubreite punkten auch in diesem Kriterium V2-Motoren, vor allem diejenigen mit großem V-Winkel. Reihenzwei-, Drei- und Vierzylinder bauen je nach Neigungswinkel der Zylinderbank höher und nehmen wertvollen Bauraum für Tank oder Ansaugsystem weg. Gleichzeitig wird damit der Schwerpunkt des Motorrads nach oben getrieben.

Was der Boxermotor in der Baubreite verliert, gewinnt er dafür im Kriterium Bauhöhe zurück. Abgesehen von der hoch liegenden Lichtmaschine baut so ein Aggregat extrem flach und liefert damit hochwillkommenen Raum für ein großvolumiges Ansaug system oder einen großen Tank. Gerade wegen des niedrigen Schwerpunkts waren Boxermotoren jahrzehntelang die Standardbauform für Gespannantriebe. Inzwischen erlauben moderne Reifen so große Schräglagen, dass Boxermotoren recht hoch eingebaut werden müssen, um ein Aufsetzen der Zylinderköpfe in Schräglage zu vermeiden. Damit ist von dem einstigen Schwerpunktvorteil dieser Motoren in der Praxis nicht mehr viel übrig geblieben.

Relativ unkritisch ist die Baulänge eines Motors. Allenfalls bei 90 Grad-V2-Motoren sind die weit auseinander gespreizten Zylinder etwas problematisch und treiben den Radstand in die Höhe. Was in Sachen Bauraum-Ökonomie möglich ist, zeigt das 950 ccm-V2-Aggregat von KTM. Mit einem Zylinderwinkel von 75 Grad und einem superschlanken Gehäuse samt Zylindern und Köpfen schlägt der Austria-Twin alle vergleichbaren Konkurrenten in diesem Kriterium um Längen.

Leistungsvergleich verschiedener Motorkonzepte

Wichtigstes Beurteilungskriterium eines Motors ist natürlich seine Nennleistung und in der Praxis auch der Verlauf der Drehmomentkurve über der Drehzahl. Technisch nüchtern betrachtet, lässt sich die Leistung eines Viertaktmotors in Kilowatt nach folgender Formel berechnen: Leistung = MD mal n geteilt durch 9550. Dabei ist MD das Motordrehmoment in Newtonmeter und n die dazugehörige Drehzahl pro Minute. Die Formel zeigt schon einen fundamentalen Zusammenhang auf: Die Leis tung ergibt sich demnach aus dem Produkt von Drehmoment und Drehzahl dividiert durch 9550. Hohe Nennleistung erfordert also zwei wichtige Voraussetzungen: 1. hohe Nenndrehzahl, 2. ein hohes Drehmoment bei Nenndrehzahl. Für eine hohe Nennleistung bleiben also die zwei Stellschrauben Drehmoment und Drehzahl. Hohe Nennleistung er gibt sich, wenn ein Motor hohe Dreh zahlen erreicht und gleich zeitig ein hohes Drehmoment liefert.

Wie ermöglicht man hohe Drehzahlen? Zuallererst muss natürlich die Motormechanik mitspielen, und dabei schlagen klar die Eigenschaften des Motorkonzepts zu. Die großen Zylindereinheiten eines Zweizylinders ergeben schwere Kolben und Pleuel, die als oszillierende Massen permanent beschleunigt und verzögert werden müssen. Daraus entstehen Trägheitskräfte, die diese bewegten Massen bei zu hoher Drehzahl schlicht zerstören würden. Als grobe Richtgröße nimmt man die mittlere Kolbengeschwindigkeit, die in modernen Serienmotoren maximal 21 bis 22 Meter pro Sekunde betragen soll, um eine ausreichende Lebensdauer des gesamten Kurbeltriebs sicher zu stellen. Un mittelbar ist klar, dass ein Vierzylinder mit seinen kleinen Kolbenhüben und den geringen bewegten Massen in diesem Kriterium Punkte im Vergleich zum Drei- und erst recht zum Zweizylinder sammelt.


Mehrzylinder nutzen die schwingenden Abgassäulen in den Auspuffkrümmern über Verbindungsrohre zur Verbesserung der Zylinderfüllung.

Wie erreicht man ein hohes Drehmoment und das gleich über den gesamten Drehzahlbereich? Das Geheimnis heißt Hubraum und Füllung. Da wir bei diesem Vergleich ausschließlich Vertreter mit einem einheitlichen Hubraum von 1000 ccm betrachten, bleibt die Kenngröße Füllung. Mit jedem Saughub muss der Motor möglichst viel des Leistung bringenden Kraftstoff-Luftgemisches ansaugen. Dazu gehören ein strömungsgünstiger Ansaugtrakt, ein möglichst großer freier Ventilquerschnitt, um eine große Frischgasmenge in die Zylinder einströmen zu lassen, und die geschickte Ausnutzung der Schwingungen in Ansaug- und Auspufftrakt, um Resonanzeffekte beim Füllen der Zylinder zu nutzen. Großer freier Ventilquerschnitt aber bedeutet die Schwierigkeit, große Ventile im Brennraum unterzubringen und einen großen Ventilhub zu realisieren. Speziell bei Zweizylindern bedingt diese Forderung, dass ein solches Hoch leistungsaggregat als extremer Kurzhuber ausgelegt sein muss, um über eine große Bohrung große Ventilquerschnitte unterzubringen. Das allein genügt aber noch nicht. Die Ventile müssen mit einem großen Hub öffnen, womit sich das gleiche Problem wie beim Kurbel trieb ergibt: Die großen hin- und hergehenden Massen des Ventiltriebs erzeugen dann natürlich auch Massenkräfte, die die Beanspruchungen des Ventiltriebs in die Höhe treiben und damit die maximale Drehzahl begrenzen.

Um diese Zusammenhänge auch quantitativ bewerten zu können, haben wir drei bekannt potente Vertreter der 1000 ccm- Klasse herangezogen und ihre leistungsbestimmenden Daten miteinander verglichen. Für den Vergleich des Leistungsvermögens erscheint die Betrachtung der veröffentlichten Kurven weniger sinnvoll, da diese häufig nachträglich geglättet und geschönt werden; daher wurden die von MO gemessenen Drehmomentkurven dieser drei ausgeführten Vertreter herangezogen.

Für den Vergleich des Leistungsvermögens haben wir drei in ihrer Klasse besonders leistungsfähige Maschinen ausgewählt:
Fireblade61
Ducati 999 als potenter Vertreter der V2-Fraktion,
Triumph Speed Triple als typischer Dreizylinder,
Suzuki GSX-R 1000 als Reihenvierzylinder und Spitzenreiter in Sachen Leistung in dieser Klasse.

Motorkonzepte im Datenvergleich

Zweizylinder
Dreizylinder
Vierzylinder

Referenzmotor
Ducati 999
Triumph Speed Triple
Suzuki GSX-R 1000

Zylinderzahl
2
3
4

Bohrung D (mm)
100
79
73,4

Hub s (mm)
63,5
71,4
59

Hubraum (ccm)
997
1049
998

Verhältnis Bohrung/Hub
1,57
1,11
1,24

Gesamte abgewickelte Kolbenringlänge (mm)
1884
2233
2766

Relative abgewickelte Kolbenringlänge (%) (100 % = Ducati 999)
100
119
147

Maximale Leistung (PS), MO-Messwert
141
131
175

bei Drehzahl (1/min)
9500
9500
11600

Mittlere Kolbengeschwindigkeit bei Nenndrehzahl (m/s)
20,1
22,6
22,8

Literleistung (PS/Liter)
141
125
175

Relative Literleistung (%) (100 %=Ducati 999)
100
88
124

Maximales Drehmoment (Nm), MO-Messwert
112
104
115

bei Drehzahl (1/min)
8000
7900
9600

Ventildurchmesser Einlass
40,0
33,5
30,0

Einlassventilhub
11,5
8,75
9,6

Ventildurchmesser Auslass
33,0
27,0
24,0

Auslassventilhub
10,0
7,5
8,3


Die leistungs- und drehmomentrelevanten Größen sind in der Tabelle zusammengestellt. Für den Vergleich des Drehvermögens betrachten wir die Kolben geschwindigkeit bei Nenndrehzahl. Der Ducati-Motor mit seinem relativ großen Hub von 63,5 Millimetern erreicht bei Nenndrehzahl bereits 20,1 Meter pro Sekunde und liegt damit relativ nahe an der kritischen Größe von 21 Metern pro Sekunde. Zwar erreichen Triumph Speed Triple und Suzuki GSX-R 1000 bei Nenndrehzahl sogar über 22 Meter pro Sekunde, doch sollten diese Werte nicht zu eng gesehen werden. In die einfache Faustformel geht nämlich die Kolbenmasse nicht ein, und genau da punkten Drei- und Vierzylinder mit ihren extrem schlanken und leichten Kolben. In der Praxis nämlich kann der Suzuki-Motor straflos bis 13000/min gedreht werden, was einer mittleren Kolbengeschwindigkeit von 25 Metern pro Sekunde entspricht. Die schweren 100-MillimeterKolben des Ducati-Zweizylinders wären bei diesen Werten längst zu Asche zerfallen.

Dass der Dreizylinder nicht kurzhubiger ausgeführt ist, hat gute Gründe: Dieses Konzept erzeugt freie Massenmomente, deren Höhe mit dem Zylinderabstand und damit der Bohrung steigt. Entsprechend werden Dreizylinder praktisch nie als extreme Kurz huber ausgeführt, was die maximale Leistungsausbeute etwas begrenzt, wie der Vergleich mit der Ducati zeigt.


Drehmomentvergleich: Ab 5000/min beginnt die Suzuki-Show, darunter gibt der 1000er Triumph-Drilling den Ton an.

Für den Vergleich der möglichen Zylinderfüllung und damit der erzielbaren Leistung verschiedener Motorkonzepte muss ein wichtiger Aspekt beachtet werden: die Zündabstände. Bei gleich mäßigem Zündabstand, wie er bei Drei- und Vierzylindern Standard ist und auch bei vielen Zweizylindern umgesetzt wird, zündet ein Vier zylinder alle 180 Grad, ein Dreizylinder alle 240 Grad und ein Zweizylinder alle 360 Grad. Diese Zündabstände sind beim Drei- und Vierzylinder eng genug, so dass die Unterdruckpulse im Auslasstrakt eines zuvor gezündeten Zylinders in der Überschneidungs phase dazu genutzt werden können, die Strömung im Einlasskanal des gerade ansaugenden Zylinders anzufachen und damit die Füllung zu erhöhen. Damit lassen sich Füllungsgrade von deutlich über 100 Prozent des Hubvolumens erreichen und die Leistung auf ein ungeahntes Niveau anheben.

Stichwort Resonanzaufladung. Äußerlich erkennbare Hilfs mittel sind die typischen 4-in-2-in-1-Hosenrohre beim Vierzylinder und die obligatorischen Interferenzrohre zwischen den Auspuffkrümmern bei Zweizylindern. Allerdings ist dort das Potenzial der Resonanzaufladung auf Grund der großen Zündabstände wesentlich geringer als bei Drei- und Vierzylindern. Es sinkt weiter bei Zweizylinderkonzepten mit ungleichmäßigen Zündabständen wie beispielsweise beim 90 Grad-V2 oder beim 180 Grad-Twin.
Fireblade61
Beim Vergleich der gemessenen Werte für maximale Leis tung und maximales Dreh moment überrascht zunächst, dass der Triumph-Dreizylinder unter dem zum Vergleich heran gezogenen Ducati-Motor liegt. Den wahren Charakter der Motoren offenbart erst der Vergleich der Drehmomentkurven, und zwar vergleichen wir die von MO gemessenen Kurven und nicht die häufig geglätteten Veröffentlichungskurven. Dabei zeigt der Ducati-Twin zwischen 5500/min und 10000/min einen Drehmomentverlauf, der für einen Zweizylinder auf einem äußerst beachtlichen Niveau liegt, das konzeptähnliche V2-Konkurrenten wie Suzuki SV 1000 und Honda VTR nicht erreichen. Hier und an der typisch welligen Drehmomentkurve zeigt sich, dass die Italiener sehr gekonnt auf der Klaviatur der Resonanzaufladung spielen.

Erkauft wird die kompromisslose Auslegung auf Spitzenleistung durch Schwächen im Drehzahlbereich bis etwa 5000/min. Diese Charakteristik ist typisch für leis tungsoptimierte Zweizylinder. Auch der unbefriedigende Rund lauf des Ducati-Motors bei niedrigen Drehzahlen ist auf die kompromisslose Auslegung von Steuerzeiten und Einlasskanalgeometrie auf hohe Nenn leis tung zurückzuführen. So beginnt die Drehmomentkurve erst bei 3000/min, weil der Motor darunter nur wild auf die Prüfstandsrolle einhackt und eine Messung unmöglich macht, während Triumph- und Suzuki bereits bei 2500/min voll belastet werden können.

Mit unspektakulären Katalogwerten, aber sehr kräftig und ohne störende Drehmomenteinbrüche präsentiert sich der Triumph-Dreizylinder, der für diese Leistungswerte bei weitem nicht so stark ausgepresst werden muss und im wichtigen Drehzahlbereich zwischen 3000/min und 5500/min – dort spielt die Musik im wahren Leben – bis zu 16 Newtonmeter mehr als der Ducati-Motor abgibt.


Selbst in der speziellen LSL-Triumph wirkt die Dreizylinder-Herrlichkeit sehr raumgreifend. Ein schwerer Klotz.

Vierzylindertypisch verläuft die Drehmomentkurve beim Suzuki-Four. Bereits bei sehr niedrigen Drehzahlen liefert er ein beacht liches Drehmoment ab, ohne die vorbildlichen Werte des Triumph-Motors zu erreichen. Dafür steigt die Drehmomentkurve kontinuierlich über der Drehzahl an und verleiht dem Motor die drehzahlgierige Charakte ristik, die Vierzylinderfahrer so schätzen. Im Gegensatz zum Zweizylinder müssen die brachialen Leistungswerte bei hohen Drehzahlen nur mit sehr moderaten Einbußen bei niedrigen Drehzahlen erkauft werden. Mit gemessenen 115 Newtonmetern aus einem Liter Hubraum erreicht der Vier zylinder zudem ein Niveau des maximalen Drehmoments, das den Suzuki-Ingenieuren wie schon beim Hayabusa-Vierzylinder hervorragende Abstimmungsarbeit bescheinigt. Mit einer gemessenen Leistung von 175 PS setzt der Suzuki- Vierzylinder seine konzeptbedingten Vorteile in Leistungswerte um, die schon jenseits von Gut und Böse liegen und die Werte des keineswegs schwächlichen Ducati-V2 um fast 25 Prozent übertreffen.

Reibung

Ein beachtlicher Teil der im Brennraum erzeugten Leistung – vor allem bei hohen Drehzahlen – wird in Reibung umgesetzt, die Kühlwasser und Öl aufheizt und über ausreichend große Kühler wieder abgeführt werden muss. Zudem hat dieses Kriterium auch deutlichen Einfluss auf den Verbrauch vor allem beim gemütlichen Dahincruisen mit niedrigen Motorlasten. Den größten Anteil an der motorischen Reibung hat der Kurbeltrieb mit Kurbelwelle, Pleueln, Kolben und Ringen, wobei darunter der Kolben mit Ringen die größte Einzelreibung verursacht. Als grober Anhaltspunkt zum Vergleich der Kolbenreibung lässt sich die abgewickelte Länge der Kolbenringe heranziehen. Natürlich sollte für diesen Vergleich das Hub/Bohrungsverhältnis der Motoren gleich sein, was in unserem Fall nicht zutrifft. Deshalb kommt der fast quadratisch ausgelegte Triumph-Drei zylinder mit seinem relativ langen Hub etwas zu gut weg.

Trotz dieser Einschränkung zeigt dieser Vergleich deutliche Unterschiede auf: Der Dreizylinder hat eine um 19 Prozent, der Vierzylinder sogar eine um 47 Prozent größere abgewickelte Länge und damit in der Gesamtreibung der Kolbengruppe deutlich höhere Werte als der Zweizylinder. Mit gleichem Hub/Bohrungsverhältnis wie beim extrem kurzhubigen Ducati-Motor wären die Unterschiede noch größer.

Auch die größere Zahl der Haupt- und Pleuellager bei Drei- und Vierzylinder bedingt eine erhöhte Reibung an der Kurbelwelle, dazu kommt ein weiter verzweigter Ölkreislauf mit einer leistungsfähigeren Pumpe, die ebenfalls einen be achtlichen Teil der Motorleis tung abzweigt. Geht es also um geringe Reibung und damit die Voraussetzung für geringen Verbrauch, hat der Zweizylinder ganz klar die Nase vorn.

Gewicht

Beim Vergleich von Motorkonzepten darf natürlich auch ein Gewichtsvergleich nicht fehlen, schließlich trägt der Motor in dieser Klasse mit mindestens einem Drittel zum Trockengewicht des Motorrads bei. Auch wenn es auf den ersten Blick naheliegend erscheint, dass ein Zweizylinder wegen der geringeren Teileanzahl das leichteste Konzept darstellen sollte, werden wir spätestens beim Vergleich der Drehmomentamplituden sehen, dass hier gleichzeitig die höchsten Beanspruchungen durch die hohen Drehmomentspitzen vorliegen. Das bedeutet, dass alle kraftführenden Teile wie Kurbel welle, Kupplung, Getriebe wellen und -zahnräder sowie das Motorgehäuse deutlich kräftiger dimensioniert sein müssen als bei einem gleich starken Drei- oder gar Vierzylindermotor.

Doch selbst wenn man diese Tatsache berücksichtigt, bleibt eine grundsätzliche Aussage zum Gewicht schwierig, weil dies auch immer eine Frage des Aufwands und damit der Kosten ist. Mit 73 Kilogramm fällt der Ducati-V2 selbst für einen Zweizylinder unverhältnismäßig schwer aus, was unter anderem auf sein frühes Konstruktionsdatum zurückzuführen sein dürfte. Das derzeitige Minimum im Zweizylindersegment markiert der 950 ccm-KTM Zweizylinder, der inklusive Ge triebe nur 56 Kilogramm auf die Waage bringt. Typischerweise aber, besonders wenn geringes Gewicht nicht an oberster Stelle steht, fallen Zweizylinder deutlich schwerer aus. Beispiels weise bringen die aktuellen BMW-Boxer 58 Kilogramm auf die Waage, zu denen sich noch 13 Kilogramm für das separate Getriebe addieren. Auch der Triumph-Dreizylinder bringt es auf reichliche 71 Kilogramm, wobei bei diesem Motor keine Gewichtsrekorde auf der Agenda gestanden haben dürften.

Was beim Vierzylinder in punkto Gewicht möglich ist, zeigt Suzukis GSX-R 1000. Da es in der Kategorie der Supersportler um das blaue Band der leichtesten und schnellsten Maschine geht, wurde einiger Aufwand beim Gewicht getrieben – heraus kamen phantastische 65 Kilogramm.

Bauaufwand

Nicht nur in den technischen Kriterien, sondern auch im Bauaufwand und damit den Kosten unterscheiden sich die Motorkonzepte erheblich. Wie beim Bauraum typische Beschränkungen zu beachten sind, stehen die Kosten, die für den Motor auf gebraucht werden, an anderer Stelle der Maschine nicht mehr zur Verfügung. Zum Beispiel für hochwertige Fahrwerkskomponenten, Bremsen oder Ausstattung der Maschine. So erklärt sich beispielsweise, dass mittlerweile Motorräder zwar mit hochwertigster Motortechnik daherkommen, aber ein banaler Hauptständer entweder gar nicht im Angebot ist oder in der Aufpreisliste steht. Einen wirkungsvollen Kettenschutz sucht man bei sämtlichen Herstellern ebenso vergeblich. Noch schlimmer ist es, wenn an versteckten Stellen wie zum Beispiel beim Korrosionsschutz, der Qualität der Sitzbank, der Verkabelung oder der Kunststoffteile gespart werden muss, nur um einen aufwändigen Motor vorzeigen zu können.

Ohne Zweifel ist der Vierzylinder in diesem Vergleich das aufwändigste Aggregat. Er hat die größte Zahl an Einzelteilen und die meisten hochpräzisen Bearbeitungsstellen wie am Kurbeltrieb und dem Ventiltrieb. Deutlich besser sieht die Situation beim Drei zylinder aus. Unter den Zweizylindern ist der Boxer mit Sicherheit der aufwändigste und dürfte einem Dreizylinder nicht nachstehen. Allein der doppelt vorhandene Steuertrieb, zwei nicht identische Zylinderköpfe, der aufwändige Ventiltrieb und die Montage von zwei Seiten finden sich sonst bei keinem anderen Motorkonzept, womit auch die Fertigungskosten und die Investitionen für die Fertigungsanlagen überdurchschnittlich zu Buche schlagen. Dazu kommt das beim Längseinbau praktisch unvermeidbare separat angeflanschte Getriebe, das den Bauaufwand weiter erhöht.


Aufwändige und damit teure Montage: Der BMW-Boxermotor taugt nicht für vollautomatische Fertigungsstraßen. Viel Handarbeit ist gefordert.
Günstiger sieht es bei den Zweizylinder-V-Motoren aus. Doch auch hier stören die beiden nicht identischen Zylinderköpfe und der doppelte Steuertrieb die Kostenbilanz. Beim üblichen Quereinbau der Kurbelwelle ist aber das Getriebe ins Motorgehäuse integriert.

Wenn es um geringe Kosten geht, sind die Reihenzweizylinder nicht zu schlagen. Geringe Anzahl zu bearbeitender Lagerstellen, ein gemeinsam zu bearbeitender Zylinderblock und -kopf ergeben geringst möglichen Bauaufwand. Damit wird auch klar, warum wir weder Fünf- noch Sechszylinder in diesen Vergleich aufgenommen haben: Mit heutigem Know-How in der Leistungsentwicklung lassen sich bereits mit einem Vierzylinder in der 1000 ccm-Klasse Leistungen realisieren, die im Motorrad kaum noch zu beherrschen sind. Aus gutem Grund begnügt man sich selbst in der MotoGP-Klasse mit Einzelzylinderhubräumen von 250, in der Formel 1 sogar mit 300 ccm. Bei kleineren Zylindereinheiten schießen Reibung und Bauaufwand dermaßen in die Höhe, dass ein 1000er Sechszylinder wie die Honda CBX heute nicht mehr zur Debatte steht. Im nächsten Teil: Die mechanische Beanspruchung von Zwei-, Drei- und Vierzylindern.